Psychologische Aspekte

Ein Baby kommt auf die Welt. Der Säugling wird mit einer völlig unbekannten Welt konfrontiert. Das dringlichste Bedürfnis, das er wahrnimmt, ist ein Sehnen nach Sicherheit. Diese Sicherheit kann ihm am besten geboten werden, indem die Bedingungen des Mutterleibes weitestgehend aufrechterhalten werden. Was hat der Säugling im Mutterleib erfahren? Die prägnanteste Erfahrung seines Lebensbeginns ist der immerwährende Kontakt, in dem Mutter und Kind standen. Ein besonderer Kontakt, der nicht auf visueller und verbaler Kommunikation beruht. Das Gespräch zwischen Mutter und Baby funktioniert durch Tasten, Schaukeln und Rhythmus, die Stimme der Mutter, Tritte des Babys und das Fühlen mit- und umeinander. Es ist naheliegend, das Neugeborene durch Körperkontakt in sein neues Leben zu begleiten. Das Tragen stellt ein wunderbares Mittel dar, den Körperkontakt lange und im Alltag integriert zu geben.
Es erlebt hierbei vieles Bekannte: den Rhythmus der Mutter beim Gehen, die Bewegung des Körpers beim Atmen, es hört ihren Herzschlag und es erkennt ihre Stimme. Genauso können der Vater und andere Bezugspersonen das Baby tragen und es so kennenlernen. Denn wenn auch der Rhythmus, die Stimme und vieles andere anders sind als bei der Mutter, erfährt das Kind die gleiche Sicherheit durch den Körperkontakt. Aus der Schwangerschaft kennt das Baby bereits alle Familienmitglieder. Bindungspsychologisch: Tragen ist das Stillen der Väter!

Die prägnanteste Auswirkung des Tragens ist die intensive Kommunikation, die zwischen Träger und Kind entsteht. Der Träger lernt die Bedürfnisse des Babys genau kennen. Er lernt die Signale zu deuten, die das Baby durch Gesten, Mimik und Bewegung sendet, bevor es weint. Das macht es leichter adäquad zu reagieren und festigt die Bindung. Das Baby fühlt sich geborgen, angenommen und willkommen in der Welt. Dies ist die beste Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstachtung und Selbstgefühl in den kommenden Jahren. Es ist in diesem Sinne absurd, von Verwöhnung zu sprechen. Ein Bedürfnis zu befriedigen ist natürlich und zeugt von einer liebevollen Beziehung. Verwöhnen kann man das Kind nicht durch das Tragen, im Gegenteil. Oftmals wachsen Kinder, die bedürfnisorientiert behandelt wurden, sehr selbstständig heran, lösen sich selbstständig und vor allem recht friedlich ab. Es stellt einen natürlich Vorgang dar, der nicht durch Erziehung künstlich hergestellt werden muss.

Aber nicht nur das Baby profitiert im hohen Maße vom Tragen, auch die Eltern tun es. Der Alltag, der sich mit der Ankunft eines Babys radikal und unwiderruflich verändert, will bewältigt werden. Oftmals ist es die Mutter, die die Betreuung übernimmt. In unseren heutigen Zeiten ist es nicht üblich, in Großfamilien zu leben, folglich ist die Mutter oft allein mit der Betreuung. Das führt vermehrt zu Unzufriedenheit, Überlastung und auch Überforderung. Viele Mütter klagen über diesen 24-Stunden-Job und die Hindernisse des Alltags mit seinen normalen Terminen, dem Haushalt und sozialen Kontakten. Das Tragen bietet hier eine Erleichterung. Ein getragenes Baby braucht nicht alle 5 Minuten „bespaßt“ werden, es muss nicht immer im Blick behalten werden oder auf den Arm gehoben werden. Es bekommt, was es braucht, in Mengen: der permanente Sicherheit vermittelnde Körperkontakt, es kann jederzeit mit dem Träger kommunizieren, ohne erst weinen zu müssen, damit dieser kommt, und es erlebt das Leben hautnah und unmittelbar. Diese Lebendigkeit lässt sich nicht produzieren, sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Tragens. Die Mutter erfährt ein Gefühl von Freiheit. Besonders die Hausarbeit kann schneller und viel einfacher verrichtet werden. Aber auch Ausflüge, das Einkaufen (Baby im Tuch, Einkauf im Kinderwagen) und die Betreuung von Geschwisterkindern werden erleichtert. Dies führt zur Entspanntheit bei Mutter und Kind.
Eltern, die ihre Kinder tragen, lernen sie intensiv kennen, das schafft Selbstsicherheit im Umgang mit ihnen.