Physiologische Aspekte

Tragen wirkt ganzheitlich. Die Stimulation, die der Körper des Babys beim Tragen erfährt, ist groß und wirkungsreich. Das zentrale Nervensystem wird durch die Bewegung gestärkt, der Gleichgewichtssinn wird geschult, der Stoffwechsel wird gefördert. Tragen schärft die Sinne und die Motorik.

Aus orthopädischer Sicht ist das Tragen sehr positiv zu bewerten. Deutlich wird das, wenn man sich die Entwicklung der Wirbelsäule und der Hüftgelenke anschaut. Das Neugeborene kommt mit einem gerundeten Rücken auf die Welt. Die Streckung zur Doppel-s-Form der Wirbelsäule entwickelt sich fließend, läasst sich grob in drei Phasen einteilen, die durch die Muskulatur erarbeitet wird: den Beginn macht die Streckung der Halspartie, die Halslordose, die vollendet ist, wenn das Baby die Kopfkontrolle erreicht hat. Der Brustwirbelbereich bleibt kyphotisch, also rundlich, hier ist die Kontrolle der Muskulatur in diesem Bereich entscheidend, diese ist ausgereift, wenn das Kind sich selbstständig hinsetzen kann. Zuletzt strecken sich die Lendenwirbel, genannt Lendenlordose, dies geschieht, wenn das Kind sich selbstständig aufrichten und laufen kann. Ähnlich verhält es sich mit den Hüftgelenken. Die optimale, orthopädisch bestätigte Position für eine normale Reifung des Hüftgelenks heißt Anhock-Spreiz-Haltung. Hierbei beugt das Baby die Beine in einem Winkel von etwa 110°, gleichzeitig spreizt es sie in einem Winkel von ca. 45°. So drücken die Oberschenkelköpfe in die Pfannenzentren und nicht gegen die oberen und hinteren Pfannenwände, was unvorteilhaft wäre, die Bänder liegen entspannt und werden nicht überdehnt. Der leicht gerundete Rücken und die Anhock-Spreiz-Haltung bedingen einander. Das heißt, dass ein gerader Rücken keine Anhockung zulässt und herunterhängende Beine wiederum keinen runden Rücken zulassen. Diese Haltung und der Entwicklungsprozess der Wirbelsäule will unterstützt werden. Das erklärt, warum Babys nicht mit dem Gesicht nach vorn, in Blickrichtung, in jeweils dafür ausgelegten Tragehilfen getragen werden sollten. Das Kind fällt hier in ein ungünstiges Hohlkreuz, die Hüftgelenke sind in einer unvorteilhaften Position, außerdem erlaubt diese Art des Tragens keine gute Kommunikation zwischen Träger und Kind. Oftmals sind die Babys viel zu überfordert, um die heftige Reizüberflutung, der sie ausgesetzt sind, mitzuteilen.

Im Tragetuch gebunden werden die Bandscheiben des Kindes am besten geschont. Durch die besondere Beschaffenheit des Tuches, werden die Stöße, die beim Gehen entstehen, direkt an den Träger zurückgefedert. Dies verhindert, dass die unreifen Bandscheiben fehlbelastet werden. Man kann sagen, das Kind schwingt im Beutel. Allerdings trifft das auf andere Tragehilfen nur bedingt bzw. gar nicht zu.

Vor rund 40 Jahren wurde für den Menschen ein neuer Typus-Begriff eingeführt: der „Tragling“. Er fällt zwischen den Nestflüchter und den Nesthocker. Seine Kennzeichen sind die Hilflosigkeit nach der Geburt, seine unreifen Sinnesorgane, die labile Temperaturregulierung usw. Jedoch ist er ausgestattet mit Reflexen, die nahelegen, dass der Tragling sich am Körper festhält und getragen wird. Der Mensch tut dies im Gegensatz zum Primaten passiv, also nicht aus eigener Kraft, er braucht Stützung. Wir kennen die Hand- und Fuß-Greif-Reflexe, aber auch folgenden Reflex: Sobald das Baby hochgehoben wird, oder auch bereits bei Blickkontakt, hockt es seine Beine reflexartig an. Es scheint in Erwartung einer Hüfte zu sein, auf die er sich perfekt passend hocken kann. Aus biologischer Sicht ist das Tragen somit natürlich. Der Mensch, der als physiologische Frühgeburt bezeichnet wird, kann sein „fehlendes Jahr“ zur Reifung ideal am Körper der Eltern verleben.

Für Eltern bzw. den Träger ergibt sich ein besseres Bewusstsein für seine Körperhaltung. Eine gut angelegte Tragehilfe bzw. ein gut gebundenes Tragetuch unterstützen die Körperhaltung. Bei Müttern fördert dies ein bewusstes Gefühl für den Beckenboden, was nach einer Schwangerschaft und Geburt sehr sinnvoll ist.